DAS JAHR DANACH

Wie der 11. September die Kulturstadt New York veränderte.
© Andrian Kreye

Ist seit dem 11. September alles anders? Seit den Anschlägen befinden sich in New York die Epizentren kultureller Paradigmenwechsel. Keine Sparte blieb unberührt. Die meisten Veränderungen werden sich im Rückblick als spontane oder vorschnelle Reaktionen erweisen. In New York waren nach dem 11. September zunächst einmal alle mit neuen Aufgaben konfrontiert.

Der Literat als Essayist.
Die Geschwindigkeit der Medien zog alle in ihren Strudel. Die Türme standen noch, da formulierten Webseiten und Fernsehsender schon die ersten Kommentare. Und mit einem Mal fühlten sich Schriftsteller und Autoren genötigt, sich an den Hochgeschwindigkeitsreaktionen der Medienwelt zu messen. Ein New Yorker Wohnsitz schien geradezu als Verpflichtung zu gelten, den Anschlägen auf der Stelle eine literarische Dimension abzugewinnen. Und nachdem New York die Hauptstadt der amerikanischen Verlagsindustrie ist, gab es einheimische Literaten zu Hauf. Paul Auster, Don DeLillo und Salman Rushdie versuchten sich als Essayisten. Tony Kushner bemühte sich, sein Theaterstück “Homebody/Kabul" auf den Afghanistankrieg hin umzuschreiben. Ohne den Luxus der Reflektion und Überhöhung scheiterten sie meist an den Banalitäten der direkten Berichterstattung. Sie fanden die eleganteren Worte. Die vernünftigen Gedanken blieben den erfahrenen Essayisten vorbehalten. Susan Sontag, Thomas Friedman, Noam Chomsky und die Autorenstämme von Zeitschriften wie The Nation, Atlantic Monthly und Harper's fanden die Blickwinkel, die wenigstens Aspekte des 11. September erklärten.

Der Rebell als Patriot.
Noch schneller als die Literaten zwangen sich die Stars des Rock'n'Roll zu Reaktionen. Paul McCartney und John Cougar Mellencamp hatten ihre 9-11-Songs noch am selben Tag geschrieben. Neil Young, Bruce Springsteen und Jon Bon Jovi besannen sich auf ihre Verantwortung als Idole für Millionen und nahmen Alben auf, die ganz unter dem dunklen Stern des 11. September standen. Dabei stellten sie ihre Begabung, Hymnen zu schreiben, die ganze Stadien voller Menschen mitsingen können, unbedacht in den Dienst des bald schon aufflammenden Hurra-Patriotismus. Sie durchliefen den wahrscheinlich radikalsten Paradigmenwechsel. Nachdem sie dreißig Jahre lang den Status Quo in Frage gestellt hatte, beschränkten sie sich nach dem 11. September auf die Affirmation.

Der Hipster als Verweigerer.
Die Hipster, Erben der Rock'n'Roll-Generation und in New York bisher für die Impulse in Nachtleben, Mode und Musik zuständig, zogen sich seit dem 11. September auf die Verweigerungsposition der Regression zurück. Da wurde nichts Neues mehr kodiert, um es wenigstens eine Zeitlang vor den etablierten Institution zu schützen. Die New Yorker Bands der Saison wie die Yeah, Yeah, Yeahs, Le Tigre, die Moldy Peaches oder Interpol klingen wie Garagenbands 12jähriger Vorstädter, die Retrogenres plündern. Passend dazu die Straßenmode - T-Shirts mit den Aufdrucken von Sommerlagern, Kindergärten und Baseballmannschaften aus der Nachwuchsliga transportieren eine verfrühte Nostalige nach unschuldigen Kinderjahren.

Der Künstler als Nachzügler.
Wo die Hipster sich verweigerten, blieben die bildenden Künstler der Stadt ganz einfach stumm. Ausgerechnet in der Stadt, die sich rühmt, regelmäßig an den Grundfesten des Kunstbetriebes zu rütteln. Doch die Whitney Biennale, sonst oft Spielfeld politisch korrekter oder radikaler Künstler, übte sich diesmal in harmlos buntem Allerlei. Auch in den Galerien fand sich kaum ein Kommentar zum Zeitgeschehen. Es schien, als habe sich die New Yorker Kunst vor der Bilderflut der Medien ins innere Exil gerettet.

Der Fotograf als Epiker.
In keiner anderen Stadt der Welt leben so viele Fotografen wie in New York. Und die bewiesen, dass kein Medium die Epik des Grauens so eindringlich transportieren kann, wie die Fotografie. Die Ground-Zero-Panoramen von Joel Meyerowitz und James Nachtwey, die Straßenimpressionen von Gilles Peress und Larry Towell transportierten die Tragödie des 11. September mit einer emotionalen Wucht, die weder die Endlosschleifen der Fernsehbilder, noch die Wortkaskaden der Printmedien erreichten.

Die Traumfabrik als Therapeut.
Die Produktionszeiten des Films sind zu lang, um die Reaktionen der Studios in New York und Hollywood abzuschätzen. Für die New Yorker spielte Film in den Monaten nach dem 11. September allerdings eine ganz andere, viel wichtigere, fast schon anachronistische Rolle - Kino als Flucht vor der Realität. Nie war Eskapismus so gefragt. Nicht erst im Sommer, als Spiderman, Star Wars und Minority Report neue Rekorde brachen. Dem Rest des Landes ging es ähnlich. Mit sämtlichen Wirtschaftsdaten ging es bergab. Nur die Filmindustrie verzeichnet einen Boom wie selten zuvor.

Der Dirigent als Tröster.
In der Hochkultur fiel ausgerechnet den Dirigenten die Rolle der Eskapisten zu. Niemand scherte sich um gewagte Interpretationen oder musikalisches Neuland. Symphoniekonzerte dienten plötzlich als emotionale Naherholung. Doch keine Requien wollte man hören. Erbauliches sollte es sein. Und so gab fast jeder Dirigent jenem Reflex nach, über den sich schon Leonard Bernstein lustig gemacht hatte - zu großen Momenten der Geschichte wird Beethoven gegeben. Kaum eine Woche, in der nicht irgendwo in der Stadt seine Neunte aufgeführt wurde. Inzwischen hat John Adams im Auftrag der New Yorker Philharmoniker das erste Orchesterwerk zum 11. September geschrieben. Eine Woche nach dem Gedenktag soll es uraufgeführt werden. Im Programm mit Beethovens Neunter.

Der Kurator als Seelsorger.
Mangels einer gemeinsamen Religion suchten sich die New Yorker neue Andachtsstätten. In den Wochen nach den Anschlägen waren es vor allem die spontanen Gedenkstätten am Rande von Ground Zero und am Union Square. Doch mit dem Winter kam nicht nur das kalte Wetter, sondern auch die Räumtrupps der Stadtreinigung. Eine improvisierte Galerie in der Prince Street, in der das Fotoprojekt “Here Is New York" entstand, machte daraufhin den Anfang, den Museumsbesuch zum kollektiven Moment der Besinnung zu erheben. Egal ob bei Norman Rockwells Patriotenromantik im Guggenheim, den ersten Fotoausstellungen zum 11. September in der Historical Society und dem Museum of the City, oder bei Gerhard Richter im Museum of Modern Art, in den Museen und Galerien traf sich New York zur säkularen Andacht.

Der Architekt als Kommentator.
Die größte Herausforderung wird der 11. September an die amerikanische Architektur stellen, wenn es darum geht die rund sechseinhalb Hektar von Ground Zero zu bebauen. Bürgermeister Michael Bloomberg, die Banker und der Pächter des Geländes sehen das Geviert zwischen der Church und der West Street zwar nicht als “heiligen Grund", sondern als wirtschaftlichen Extremfall, für den sie möglichst bald eine Lösung finden wollen. Trotzdem werden die zukünftigen Architekten von Ground Zero nicht umhinkommen, das Trauma in ihren Plänen zu verarbeiten. Die Reaktionen der New Yorker auf die sechs braven Vorschläge, die ihnen die Stadt im Juli unterbreitete waren deutlich genug.

Die Kultur als Kostenstelle.
Mit Michael Bloomberg haben die New Yorker einen hemdsärmeligen Pragmatiker zum Bürgermeister gewählt, der nach dem Helden des 11. Septembers Rudolph Giuliani eine neue Sachlichkeit in die Stadt gebracht. Zu der gehörte aber nicht nur die Beruhigung der aufgewühlten Emotionen, sondern auch eine schmerzhaft nüchterne Betrachtung des vier Milliarden Dollar tiefen Finanzlochs im Haushalt der Stadt. Ausgerechnet diese Woche müssen sämtliche Behörden und Abteilungen der Stadt ihre Pläne vorlegen, wie sie die vorgeschriebenen 7,5 Prozent ihres Budgets einsparen werden.
Die Kultur ist da keine Ausnahme. Im Gegenteil. Seit dem Frühjahr beraten sich die Vorstände von Institutionen wie der Metropolitan Opera, der Carnegie Hall und der Brooklyn Academy of Music, wie sie die Kürzungen der städtischen Gelder auffangen sollen, ohne an Qualität einzbüssen. Dazu kommen auch noch die Kosten für neue Sicherheitsmaßnahmen. David McKinney vom Metropolitan Museum verkündete sogar, dass er ganze Abteilungen schließen müßte. Der Niedergang der großen Institutionen ist kaum zu befürchten. Deren Vorstände haben schließlich ein schlagendes Argument - sie sind Zugpferde des Tourismus. Bloombergs Kürzungen im Kulturbudget werden eine ganz andere Entwicklung vorantreiben, die schon unter Giuliani begann: New York wird als Kulturstadt keine Impulse mehr geben, sondern nur noch als Markt- und Schauplatz dienen. Um dieser Prophezeihung das Drama zu nehmen: Manhattan läuft Gefahr zur kulturellen Shopping Mall zu verkommen. Wer Impulse sucht, der muß heute schon nach Queens und Brooklyn fahren.





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