DIE LETZTEN DANDIES

20 Jahre Tempo - eine Verklärung der Achtziger

© Andrian Kreye

New York im Mai '06 - Natürlich waren die Achtziger Jahre unfassbar glamourös. Da war zum Beispiel jener Abend in New York, an dem die Einstürzenden Neubauten die Bühne des Palladium abfackelten und sich Johnny Rotten später in der VIP Lounge des Limelight in die Hosen machte. Vorher beim Abendessen hatte Madonna am Nebentisch bei William Burroughs gesessen, der sich einen Joint nach dem anderen drehte und damals noch viel berühmter war, als Madonna, und wir waren jung und im offiziellen Auftrag der Zeitschrift Tempo immer und überall dabei. War das nach der Reportage in Kolumbien oder auf dem Weg nach Moskau? Vielleicht war das aber auch an dem Abend, an dem sich Liza Minelli im Odeon zu Brett Easton Ellis und Jay McInerney an den Tisch setzte und später alle zusammen auf eine Party weiterzogen, auf der Andy Warhol und Jean-Michael Basquiat kurz vorbeischauten, und nach der Fab Five Freddie den Paparazzi weis machte, ich sei der Sohn des deutschen Bundeskanzlers und habe gerade den ganzen Abend durchgekokst, worauf die Fotografenmeute vergeblich unserem Taxi hinterher lief. So ganz genau lässt sich die Abfolge der Ereignisse nicht mehr rekonstruieren. Man weiß doch - wer sich lückenlos an die Achtziger Jahre erinnern kann, der war nicht dabei.

Es war ein Anruf des Münchner Stadtmuseums, der das alles wieder in Erinnerung rief. Man sei doch Gründungsmitglied der Redaktion Tempo gewesen und ob man denn noch Artefakte und Fotos aus seiner Jugend habe, man plane da eine Ausstellung zum zwanzigsten Jahrestag der Erstausgabe der Zeitschrift Tempo. Ein ehrbares Anliegen, schließlich hat das Münchner Stadtmuseum auch schon eine Ausstellung über die Zeitschrift Twen gemacht, die für die Sechziger Jahre ebenso stilprägend war, wie Tempo für die Achtziger.
Weil es im April aber schon zehn Jahre her war, dass die Zeitschrift wieder dichtgemacht wurde, hier ganz kurz zur Erinnerung - die Hamburger Zeitschrift Tempo war das Zentralorgan der deutschen Achtziger Jahre, ganz genauso wie The Face in England, Actuel in Paris und Paper Magazine in New York. Tempo war eine Mischung aus Glamour, Pop und Politik und Mode, aus literarischem Journalismus, Popfeuilleton und moderner Fotografie.

Selbstverständlich neigt man mit dem Erreichen des vierzigsten Lebensjahres dazu, die eigene Jugend zu verklären. Jung waren wir ja - vom Volontär bis zum Chefredakteur fast durchweg Anfang, Mitte zwanzig. Und natürlich gehört zur Verklärung, dass jede Generation der jeweils nachfolgenden Jugend erst einmal begreiflich machen will, dass es niemals wieder so wild und leidenschaftlich zugehen kann wie "damals". Wobei das “wild und leidenschaftlich" in sämtlichen Jugendkulturen nach dem Zweiten Weltkrieg eigentlich immer etwas mit Sex, Drogen und Rock'n'Roll zu tun. Nun ist es schon mal ein enormer zivilisatorischer Fortschritt, wenn man sich an eine Jugend erinnert, in der man schon früh die Unschuld und hin und wieder mal die Besinnung verloren hat, anstatt die halbe Verwandtschaft an der Ostfront und das Familienerbe im Bombenhagel der Alliierten. Trotzdem fühlen sich die jeweils Nachgeborenen bei solchen Prahlereien heute genauso bevormundet, wie unsereins von den Lamentos der Eltern und Großeltern, wie schlimm und schwer früher alles gewesen ist.

Warum aber erntet man mit Erzählungen, wie man in Woodstock auf den Trip kam oder zumindest bei einem Jimi-Hendrix-Konzert mal ordentlich einen durchgezogen hat, bei heute Zwanzigjährigen eher noch so etwas wie Bewunderung, während man sich mit der Erwähnung, dass man vor zwanzig Jahren mal mit Bayernspielern im P 1 gesoffen und danach auf dem Klo gekokst habe, von den Nachgeborenen bestenfalls ein lakonisches “Ich auch" einhandelt?

Auch beim Vergleich der jeweiligen Zeitikonen stehen die Sechziger Jahre mit ihren heldenhaften Drogentoten (Hendrix, Joplin, Morrison) und Vordenkern (Cohn-Bendit, Dutschke, Dylan) eindeutig besser da, als die Achtziger Jahre, deren Stars entweder als spirituelle Wirrköpfe (Nina Hagen, Madonna, Prince) oder Kollateralschäden der Regenbogenpresse (Tom Cruise, Michael Jackson, George Michael) endeten. Im Film hatten die großen Revolutionen schon im Paris der Sechziger (Godard, Melville, Truffaut) und Hollywood der Siebziger (Altman, Coppola, Scorcese) stattgefunden, gegen die der Aufbruch in den Pop (John Hughes, Gebrüder Scott, Stallone) etwas schlicht wirkte. Und die Musik? Ein rein technologisches Problem, das sich bis heute nicht gelöst hat. Seit der Erfindung des polyphonen Synthesizer 1978 hat jeder Popsong ein relativ schnelles Verfallsdatum, weil mit jeder neuen Gerätegeneration die gerade noch aktuellen Hits schon wieder veraltet klingen. Davon war selbst das einzig bahnbrechende Genre der Achtziger, der Hip Hop betroffen, der später immerhin den Rock als Leitmedium des weltweiten Jugendprotestes ablöste. Wer's nicht glaubt, soll versuchen, sich heute die ersten Alben von damals bahnbrechenden Gruppen wie Run DMC, The Cure oder Depeche Mode von vorne bis hinten durchzuhören.

Aus der Ausstellung ist offensichtlich nichts geworden, denn der Anruf des Münchner Kurators ist nun schon drei Jahre her, die erste Ausgabe der Zeitschrift Tempo erschien Anfang 1986 und das Stadtmuseum zeigt derzeit eine Retrospektive des Magnumfotografen Thomas Hoepker, der zu den wichtigsten Chronisten der Sechziger Jahre gehörte, wobei diese Beschwerde nichts mit dem äußerst angenehmen Thomas Hoepker zu tun hat, sondern lediglich die Omnipräsenz einer Zeit illustrieren soll, die zur Mutter aller Popkulturen erklärt wurde. Bleiben von den Achtziger Jahren also wirklich nur ein paar popkulturelle Treppenwitze über Schulterpolster, Fönfrisuren und Synthiebands?

Nun ist das mit den Jahrzehnten sowieso ein recht unpräziser Weg, sich der Kulturgeschichte anzunähern, weil Jahrzehnte selten pünktlich anfangen oder aufhören. Die Achtziger Jahre dauerten beispielsweise von 1976 bis 1992. 1976 zündete Punk den ersten kulturellen Sprengsatz gegen das Bollwerk der Ideologien und genau das sollte den Kern der Achtziger Jahre bilden. Es war der letzte Befreiungsschlag gegen die Grenzen im Kopf und im Leben. Da kamen zunächst einmal die 68er gerade recht. Die hatten erst die Errungenschaften der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung für sich deklariert, um dann als selbstgefällige Dogmatiker Machtpositionen zu zementieren. Gegen so viel besserwisserischen Ernst half nur die Wiedererweckung des Dandytums. Denn nichts höhlt das politische Argument so wirkungsvoll aus, wie Stilbewusstsein und Ironie.

Statt Ché Guevara und Jack Kerouac standen der neuen Generation Beau Brummel und Dorothy Parker Pate, statt Freiheitskampf und Utopien, zählten Stilbewußtsein und scharfer Verstand. Das war kein ein Bruch mit der Kulturgeschichte und schon gar kein Bekenntnis zum Konservatismus, nur bezogen sich die Autoren von Tempo eben nicht mewhr auf die Gruppe 47 und Adorno, sondern auf den New Journalism von Hunter S. Thompson und Tom Wolfe, auf die Kulturkritk der Cahiers du Cinema und des New Yorker. Dazu gehörte, dass man den Modeschöpfer Helmut Lang genauso ernst nahm wie den Grünenpolitiker Joschka Fischer, sich mit den ersten Eruptionen elektronischer Tanzmusik genauso ernsthaft auseinandersetzte wie mit der Literatur, und man das Nachtleben von Tel Aviv genauso gründlich recherchierte, wie die Auseinandersetzungen in Gaza.

Das stieß natürlich gerade in Deutschland auf heftigen Widerstand. In einem Land, in dem Subkultur heute noch nach den Maßstäben eines herzhaft anachronistischen Antikapitalismus bewertet wird und jede Form der Populärkultur als zerstörerische Antithese zum Kanon des Abendlandes gilt, mussten Mode- und Stilbewußtsein, Camp und Pop zwangsläufig als Verrat und Ausverkauf empfunden werden. Die Trotzhaltung war jedoch nur sekundär. Selbst wenn man die erzürnten Leserbriefe und Anrufe unverbesserlicher Revolutionsromantiker nach einer Reportage über die katastrophalen Zustände im Arbeiter- und Bauernparadies Kuba als Kompliment verstand, waren dem Text doch drei Wochen Recherche in Miami, Havanna und in der kubanischen Provinz vorangegangen. Und bei all der Euphorie der Tempojahre gab es trotz der entspannten Weltlage durchaus ein paar ganz konkrete Sorgen. “Die Achtziger waren der Kater der Siebziger", hatte die Modeschöpferin Diane von Fürstenberg damals geunnkt. Die Atomkraft stellte zum Beispiel ihr apokalyptisches Potential in Tschernobyl unter Beweis und machte deutlich, dass es mit einem höflichen Nein Danke fortan nicht mehr getan war. Aktion war gefragt.

Auch wenn nicht immer mit dem tiefen Ernst der politischen Praxis. Gegen die Übergriffe der chinesischen Regierung auf dem Platz des himmlischen Friedens reagierte Tempo damit, chinesische Dissidenten ein Protestfax gestalten zu lassen, das man aus der Zeitung heraustrennen und an eine der Faxnummern chinesischer Offizieller schicken konnte, die im Heft abgedruckt waren. Die Auflösung der DDR kommentierte die Redaktion mit einer gefälschten Ausgabe des Neuen Deutschland, die Temporedakteure nach Ostberlin schmuggelten und dort verteilten. Heuchlerische Politiker wurden mit Geschwindigkeitsmessern verfolgt oder dazu gebracht, verseuchtes Nordseewasser zu trinken. Die aufkeimenden Vorurteile gegen HIV-Postive führte man vor, indem man deutschen Bürgermeister dazu überredete, Internierungslager für Aidskranke zu bauen, deren Blaupausen auf den Plänen von Konzentrationslagern beruhten.

Die Liste der Autoren, die mit Tempo groß wurden und Journalismus und Literatur in Deutschland bis heute mitgeprägt haben ist lang. Dazu gehören Maxim Biller, Jörg Böckem, Alf Burchardt, Jörg Burger, Christoph Dallach, Marc Fischer, Peter Glaser, Gabriela Herpell, Matthias Horx, Thomas Hüetlin, Lukas Lessing, David Pfeifer, Bettina Roehl, Christian Kracht, Adriano Sack, Claudius Seidl, Jochen Siemens, Helge Timmerberg, Moritz von Uslar und das waren längst nicht alle. Tempogründer Markus Peichl hat das Fernsehen modernisiert und Artdirektoren wie Lo Breier, Walter Schönauer und Alexander Widerin ihre Bildsprache durchgesetzt.

Zu guter letzt wurden die Achtziger von den Zeitläuften überrollt. Heute erscheinen sie einem wie die goldene Jahre, die David Bowie 1976 mit seinem Hit “Golden Years" beschworen hatte. Zukunftsängste gab es nicht. Das Gleichgewicht des Schreckens hatte sich so weit eingependelt, dass der Weltfrieden erst einmal gesichert schien. Die Achtziger waren die Dekade in der die Yuppies geboren wurden. Geld schien kein Problem zu sein, deswegen blühten auch die Kulturen und Karrieren. Die Rückschläge gegen die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegungen hatten noch nicht greifen können - selbst die Protagonisten des später so zornigen Hip Hop beschäftigen sich bei ihren Auftrittenin erster Linie mit der Frage, ob die Party auf der linken oder rechten Seite des Saales sei. Kein Wunder also, dass sich das Sicherheitsgefühl und die Zuversicht des Westens in einer Popkultur voll futuristischem Pathos und Pomp manifestierte, zu der die luxuriöse Larmoyanz der Musik genauso gehörte, wie die gockelhaft aufgeblasenen Schulterpolster und Frisuren oder der Gestaltungswahn des Memphis-Stils.

1992 waren die Achtziger Jahre endgültig vorbei, denn 1992 war das letzte Jahr, in dem sich die westliche Welt so sicher, frei und zuversichtlich fühlen konnte, wie in den Jahren vor dem Mauerfall. In diesem Jahr aber ging der Kalte Krieg offiziell zu Ende. Im folgenden Jahr führte die Al-Qaida ihren ersten Bombenanschlag auf das World Trade Center in New York durch, und auch wenn die Islamisten ihre Ziel, die Zwillingstürme zum Einsturz zu bringen erst achteinhalb später verwirklichten, so war dies doch die erste Salve eines neuen Zeitalters. Im gleichen Jahr mussten sich die westliche Mächte aus Somalia zurückziehen und mit ansehen, wie der Bosnienkrieg eskalierte, während in Moskau Panzer das Parlament belagerten. Weil das Ende der Ideologien aber gleichzeitig auch ein Ende der Utopien bedeutete, folgte ein Vakuum, das einen historischen Rückschritt ermöglichte, gegen den weder der Gerechtigkeitssinn und der Idealismus der 68er noch die Unabhängigkeit und der Realismus der Achtziger-Generation etwas ausrichten konnten. Was folgte war eine Renaissance des Glaubens, die sich in unzähligen Formen manifestierte. Im Glauben an den freien Markt, im Glauben an die Demokratie, im Glauben an Gott. Die entfesselten G-8-Staaten, George W. Bush und die globalisierten Formen religiöser Fundamentalismen sind da nur Symptome eines epidemischen Rückschlages gegen zweihundert Jahre Aufklärung. Da hat die Leichtigkeit des vorletzten Jahrzehntes nichts mehr zu suchen.

Deswegen hat der Futurismus der Achtziger-Jahre heute eine ähnlich kitschige Aura, wie die Titelbilder jener Wissenschaftsheftchen, die einem in den 50er Jahren das Jahr 2000 als eine Welt ausmalten, in der jeder Bürger mit einer fliegenden Untertasse von der heimischen Raumstation ins Biodombüro pendelt. Wer in den alten Ausgaben von Tempo blättert, wer sich noch einmal die Platten von den Pet Shop Boys oder Phil Collins anhört, wer sich die Wiederholungen von Fernsehserien wie "Miami Vice" oder "Dallas" ansieht, der wird das Gefühl nicht los, dass hier eine Generation die letzten goldenen Jahre genießen durfte. Aber genau das gehört ja auch zur Idealisierung der eigenen Jugend - die Meinung, dass früher alles besser war.





Nina Hagen "New York, New York"

William S. Burroughs "Thanksgiving Prayer" und Madonnas Durchbruch

Jean-Michel Basquiat in "Downtown 81" und bei Glen O'Brien's TV Party

Andy Warhol in Werbespots für Braniff Airlines und TDK

"Miami Vice"-Szene zu Phil Collins' "In the Air Tonight" und "Miami Vice" Pepsi Spot

Malcolm McLaren "Double Dutch'" und "Buffalo Gals'"

Supreme Team "Hey DJ'", Fab 5 Freddie mit Grandmaster Flash und die Schlusszene aus "Wild Style"

Filmtrailer "Purple Rain" und "Fame"

Filmtrailer "Breakfast Club" und "War Games"

Filmtrailer "Rambo 2" und "Rocky 4"

Filmtrailer "Wall Street" und "Scarface"



Foto von William Burroughs und Madonna mit besten Erinnerungen
an grandiose Abende und freundlicher Genehmigung von wowe



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