Die langen Schatten von Manhattan

Ein halbes Jahr nach den Anschlägen vom 11. September kämpft New Yorks Chinatown immer noch ums Überleben.
© Andrian Kreye




New York, 10. März. Hier hinten im fensterlosen Büro des Quon Yuen Shing & Co General Store riecht der Staub nach alten Holzdielen, nach Tee und dem Parfüm von Räucherstäbchen. In feinen Flocken hat er sich zwischen den Kartons mit Sandelholzseifen, Porzellanfiguren und Reisschüsseln angesammelt. Und auf den beiden Stahltresoren mit den ziselierten Griffen, die hier schon standen, als Paul Lees Großvater den Laden an der Mott Street 1891 eröffnete. Um die Jahrhundertwende dienten die Tresore ganz Chinatown als Bank, weil Chinesen damals in Amerika kein eigenes Konto eröffnen durften. “Damals entstand eine Bargeldwirtschaft, die teilweise noch heute funktioniert. Das hat uns wahrscheinlich gerettet", sagt Paul. Deswegen sind die Stahlschränke für ihn ein Symbol dafür, dass sich Chinatown nicht unterkriegen läßt. Auch nicht von den Anschlägen des 11. September, die am Montag genau sechs Monate her sind, und die der altertümlichen Immigrantengemeinde zwischen den Sozialbaublöcken der Lower Eastside im Osten und den Gerichtsgebäuden und dem Stadtgefängnis im Westen mehr zugesetzt haben, als jedem anderen Viertel jenseits von Ground Zero. “Aus dem Tief holt uns niemand raus", sagt Paul Lee. “Da muß jeder selber ran."

Trauer und Angst sind längst einem neuen Realismus gewichen. In ganz New York. Sicher, am Montag wird Bürgermeister Bloomberg gleich bei Ground Zero die Lichtskulptur “Tribute in Light" einweihen, die mit Hochleistungsscheinwerfern zwei Lichtsäulen eine Meile weit in den Nachthimmel schicken und die zerstörten Türme des World Trade Centers symbolisieren wird. In der ganzen Stadt werden Gottesdienste und Trauerfeiern stattfinden. Doch Trauer und Angst sind längst eine Privatangelegenheit. Wer heute durch New York spaziert, wird kaum noch eine Veränderung bemerken. Die Stadt ist so geschäftig wie eh und je. Selbst Ground Zero gleicht längst einer Großbaustelle. Gleich daneben hat das Kaufhaus Century 21 wieder eröffnet, wo es Designermode zu Dumpingpreisen gibt.

Die Anschläge sind nun Geschichte. Die Lektoren des American Heritage College Dictionary werden in der neuen Ausgabe 9-11 und Ground Zero sogar als stehende Begriffe der englischen Sprache bestätigen. Es sind nur Details, die verraten, dass die Stadt die Anschläge bei aller Geschäftigkeit noch nicht verarbeitet hat. Da sind die Werbetafeln des psychologischen Notdienstes vom Gesundheitsamt in der U-Bahn, die mit kurzen Sätzen Gefühle umreißen, die so viele verheimlichen. “Schlaflosigkeit? Alpträume? Es hilft, darüber zu reden", steht da. “Auch Helden müssen sich mal aussprechen", und “Wir sitzen alle im gleichen Boot. Aber wenn Sie sich alleine fühlen, rufen sie uns an." Denn sonst heißt die Devise Weitermachen. Sich am Riemen reißen, in die Hände spucken, aus der Krise wirtschaften. 100.000 Arbeitsplätze gingen in New York seit dem 11. September verloren, 10.000 Betriebe mußten schließen. Da bleibt wenig Zeit für persönliche Sorgen und Nöte.

Chinatown hat es besonders hart getroffen, denn nach den Anschlägen war die Gegend drei Wochen lang von der Außenwelt abgeschnitten, weil sie unterhalb der Canal Street liegt, die gleich nach den Anschlägen zur Demarkationslinie des Sperrgebietes erklärt wurde. Drei Wochen lang saßen Tausende hier fest, weil sie keine Ausweise besaßen, mit denen sie bei den Straßensperren der National Guard hätten beweisen können, dass sie hier leben. Es gab kaum funktionierende Telefonanschlüsse, Lastwagen kamen nicht durch, und natürlich auch keine Touristen, die sonst viel Geld nach Chinatown bringen. Drei Wochen, die bis heute kaum einer hier geschäftlich ganz überstanden hat.

Jetzt an einem der ersten lauen Wochenenden sieht es wieder so aus wie immer in Chinatown. Menschenmengen drängen sich durch die engen Straßen, an den kleinen Geschäften vorbei, in denen es Nippes, Geschirr und chinesischen Folklorekitsch zu kaufen gibt. An den Lokalen, in deren Schaufenster fettglänzende Brathühner hängen. Nur wer die Gegend kennt wird bemerken, dass sich die Zahl der Frauen, die auf Bauchläden Raubkopien von CDs und Videos anbieten ungefähr verdreifacht hat. Dass immer Straßenstände auftauchen, fliegende Händler. Dass hier eine Schattenwirtschaft entsteht, wie sonst in den Metropolen der Dritten Welt.

Viele Betriebe haben die Zeit nach den Anschlägen nicht überstanden. Vor allem die Nähereien, die vom Lieferverkehr abgeschnitten waren. Rund 6000 Textilarbeiter sind nun arbeitslos. Hunderte von Angestellten aus den Restaurants. “Als die Gewerkschaft vor kurzem Nothilfegelder ausgab, mußte die Polizei anrücken und die Mengen in den Columbus Park treiben", erzählt Paul Lee. Das sei eine ungewöhnliche Szene gewesen. “Hier gelten immer noch die konfuzianischen Grundwerte - Familie, Arbeit und Bescheidenheit. Bevor jemand Sozialhilfe beantragt, arbeitet er lieber achtzehn Stunden am Tag."

Und gerade weil hier kaum jemand die Hilfe des Staates beansprucht, braucht Chinatown Männer wie Paul Lee, der in Amerika geboren ist und die Kluft zwischen der Gemeinde und dem Staat überbrücken kann. Der mit seinem dunkelblauen Jackett, der leicht gelockerten Krawatte und dem ständig klingelnden Handy wie einer der Börsentiger von der Wall Street wirkt, obwohl er doch nur einen Gemischtwarenladen führt. Der im Rathaus Krach schlagen kann. Als zum Beispiel zwei Wochen nach den Anschlägen immer noch keine Müllwagen nach Chinatown gekommen waren. Nicht dass es etwas genutzt hätte. “Die Polizei von unserem Revier in der Elizabeth Street hat uns dann geholfen, den Dreck hier wegzuschaffen", erinnert er sich. Oder der mit der Delegation des Abgeordneten Jerrold Nadler nach Washington fährt, um dort Gelder für den Wiederaufbau von Downtown New York einzufordern. Auch wenn dieser Bittgang vergeblich war. “Einer der Abgeordneten hat uns gefragt, warum wir glaubten, dass wir zum Betteln kommen könnten", sagt Lee und schüttelt den Kopf.

Überhaupt hat das Vertrauen der New Yorker in die Bundesregierung seit dem 11. September trotz allem Patriotismus schwer gelitten. Erst letzte Woche berichtete das Nachrichtenmagazin Time, dass Washington im Oktober den New Yorker Behörden eine Atombombendrohung verschwiegen hatte. Der Antiterrorismus-Rat des Weißen Hauses hatte damals von einem Agenten erfahren, dass Unbekannte eine 10-Kilotonnen-Nuklearbombe aus Rußland gestohlen und nach New York geschafft hatten. Damit hätten Attentäter 100.000 Menschen töten und weitere 700.000 verstrahlen können. Die Nachricht erwies sich zwar als falsch, aber die New Yorker Lokalpolitiker waren außer sich, dass nicht einmal der damalige Bürgermeister Giuliani von der Bedrohung erfahren hatte.

Paul Lee erinnert das alles an die 70er Jahre, als New York vor dem Bankrott stand und Präsident Ford der Stadt auf ihre Bittgesuche ganz unverblümt zu verstehen gab: “Drop dead" - Haut ab. “Damals hat Chinatown sich als eines der ersten Viertel aus der Krise herausgearbeitet", sagt Paul Lee. “Und so verstehen wir unserer Rolle auch heute." Mit dem Unterschied, dass die wirtschaftliche Landschaft heute eine ganze andere ist. Nur wenige hundert Meter weiter westlich liegt eine ganz andere Welt. Die Welt von SoHo. Auch das ehemalige Künstler- und Galerienviertel hat es schwer getroffen. Die Edelmeile des West Broadway mit den Boutiquen und Bistros wirkt unter der Woche wie ausgestorben.

Bei Cipriani sitzt kein Mensch an den Tischen. Die Bedienungen bei Dolce & Gabana, von French Connection und Donna Karan stehen gelangweilt in den verwaisten Geschäften. Doch die Bilder trügen. Während sich in Chinatown hinter der Betriebsamkeit drohendes Elend verbirgt, kann die Flaute SoHo nicht viel anhaben. Kaum einer der Läden hier muß Profit bringen. Das war auch schon vor den Anschlägen unmöglich. Bei durchschnittlichen Monatsmieten von 30.000 Dollar pro Geschäft kann kein Einzelhändler die Betriebskosten wieder einspielen. Längst haben die großen Ketten die Galerien, Buchläden und angestammten Geschäfte vertrieben. SoHo funktioniert längst nach dem Prinzip der Flagship Stores - wer hier eine Filiale aufmacht, betreibt seinen Laden als Imagepflege.

Der Standort zählt, nicht der Umsatz. Für die Läden in Chinatown zählt dagegen jeder einzelne Kunde. Die großen Ketten schalten ganzseitige Anzeigen in den Magazinen und Zeitungen. Die Geschäftsleute von Chinatown haben zusammengelegt, um zum chinesischen Neujahrsfest im Februar gleich acht Paraden zu veranstalten.

Ganz alleine wird es Chinatown nicht schaffen. Doch Paul Lee hofft wie die meisten hier auf den neuen Bürgermeister Michael Bloomberg. “Giuliani hat uns eigentlich nur geschadet", sagt er. “Der hatte die Politik, mit niemandem zu reden. Weil er den schwarzen Bürgerrechtler Al Sharpton nicht mochte, hat er mit gar keinen Schwarzen geredet. Nicht einmal mit dem Stadtteilpräsidenten von Manhattan." Nicht einmal habe er Giuliani in Chinatown gesehen. Bloomberg dagegen sei schon mehrmals zum Essen hier gewesen. Von Giuliani kamen Floskeln. “Bloomberg ist ein Geschäftsmann. Der sagt geradeheraus wie es ist." Giuliani traf seine Entscheidungen alleine. Bloomberg sucht den Dialog. Wieder klingelt das Mobiltelefon. Zum ungefähr achten Mal. Paul Lee blickt kurz auf die Anzeige, nur diesmal nimmt er ab. “Kommen Sie", gibt er zu verstehen. Er kann nicht den ganzen Abend hier herumsitzen und erzählen.

Mit großen Schritten marschiert er durch sein Viertel, grüßt hier, hält dort im Vorbeigehen einen sekundenlangen Plausch. Vor einem Schreibwarengeschäft schlägt er gegen die geschlossene Jalousie. Justin öffnet, ein älterer Herr mit schütteren Strähnen, die er über den Schädel gekämmt hat. Der Laden ist vollgestellt mit Regalen auf denen sich neonfarbene Schulblöcke, Plastikspielzeug und Schachteln mit Stiften stapeln. Als die Chinatown noch Sperrgebiet war, gehörte der Laden neben Paul Lees General Store zu einem der Nothilfezentren. Paul Lee hatte Zugriff auf Mobiltelefone, wußte, mit wem man bei den Elektrizitäts- und Wasserwerken reden kann. Justin klebte damals jeden Tag die chinesischen Zeitungen an seine Wand, damit alle, die englische Radionachrichten nicht verstanden, auf dem Laufenden blieben.

Über die Ladentheke tauschen die beiden kurz die letzten Neuigkeiten aus. Plaudern höflich, bis Justin die Siegesmeldung überbringt - die Lower Manhattan Development Corporation hat noch zwei der elf Sitze im Vorstand frei. Stadt und Bundesstaat haben die Corporation gegründet, um den Wiederaufbau zu organisieren, Gelder zu verteilen, die unzähligen privaten und staatlichen Gruppen zu koordinieren. Die Meldung aus dem Rathaus sei gewesen, dass die beiden freien Sitze mit Asiaten besetzt werden sollen. Ein enormer Sieg, denn normalerweise haben die Bürger von Chinatown in den Lokalregierungen keine eigenen Vertreter. Nur kennt sich niemand vom Rathaus in Chinatown aus. “Wir haben ihnen eine Liste mit Namen gegeben", erzählt Justin. “Da stehst du ganz oben drauf."

Zurück zum Inhalt


Zurück zum Inhalt