ELEKTRISIERENDES GEHEUL

Vor 50 Jahren schrieb Allen Ginsberg
sein epochales Gedicht “Howl"

© Andrian Kreye

New York im Juni '06 - Niemand schreibt ein Gedicht, um die Welt zu verändern und es ist fraglich, was Allen Ginsberg von dem Titel der Anthologie gehalten hätte, die gerade zum 50. Jubiläum seines epochalen Werkes “Howl" (“Das Geheul") erschienen ist. “Das Gedicht, das Amerika veränderte" klingt pompös und marktschreierisch, und doch hat seither kein Text den Nerv einer Generation und eines Landes so exakt getroffen, wie jener schier ungebremste Strom von Versen, den Ginsberg im Frühsommer 1956 auf neun eng beschriebenen Schreibmaschinenseiten an 25 seiner Freunde und Bekannte in San Francisco verkaufte. In drei Teilen führte Ginsberg seine Leser über den Alptraum der amerikanischen Großstadt und den Moloch der modernen Gesellschaft in den buchstäblichen Wahnsinn des Carl Solomon, den er in der Nervenheilanstalt Rockwell kennen gelernt hatte und dem “Howl" gewidmet ist.

Heute liegt die weltweite Auflage bei rund einer Million und trotzdem ist es kaum nachvollziehbar, wie dieser schwer zugängliche Text voll kryptischer Anspielungen auf private Anekdoten, spirituelle Erfahrungen und politische Verhältnisse eine solch elektrisierende Wirkung haben konnte. Vielleicht liegt es daran, dass “Howl" kurz vor jenem Zeitpunkt erschien, an dem sich die emotionale Breitenwirkung der Lyrik und der Literatur in den kurzen, harschen Akkordfolgen einer neuen Jugendkultur verlieren sollte. Wer nach dem Zweiten Weltkrieg geboren wurde, der hatte dann seine entscheidende ersten Kulturerlebnisse meist mit Musik oder Film, die jenen elektrischen Impuls der Erkenntnis einer geistigen Heimat ohne den Umweg über den Intellekt und deswegen schon in der Pubertät auslösen können.

Vielleicht war “Howl" aber auch nur der entscheidende Schritt von den Abstraktionen des Be Bop, der Expressionisten und der Beat-Literaten zur rhythmischen Sprengkraft des Rock'n'roll, der den Befreiungsgedanken der Nachkriegszeit aus den Rastern des intellektuellen Diskurses und die Lyrik aus den Grenzen des geschriebenen Wortes löste. Und genau dafür bedurfte es sehr wohl der Sprache, die neuen Ideen und Gefühlen so viel besser Halt geben kann, als die launische Emotionalität der Musik oder die erzählerische Illusion des Films.

Solche Überlegungen sind natürlich genauso wenig aufschlussreich, wie die Frage, ob ein Glas Wasser halb voll oder halb leer ist, weil “Howl" für einen kulturellen Moment stand, der sich bis heute der akademischen Analyse entzieht, auch wenn er längst zum Kanon gehört. Deswegen findet man in der Anthologie auch kaum eine literaturwissenschaftliche Betrachtung, sondern eine Anreihung persönlicher Erinnerungen an jenen Moment, an dem die Verfasser der Essays mit “Howl" in Berührung kamen.

Da erinnert sich Amiri Baraka an jene Woche, in der ihn der Ruf von “Howl" als junger Air-Force-Soldat auf Puerto Rico erreichte. Jane Kramer hörte “Howl" als Studentin, und auch Rick Moody erlebte “Howl" zum ersten Mal als Student in Yale , wenn auch viel später, dafür erklärt er, warum “Howl" laut vorgelesen werden muss, um richtig verstanden zu werden.

Ginsberg fand diesen direkten Weg in das Lebensgefühl seiner Generation, weil er es fertig brachte, den sprachlichen Atem Walt Whitmans mit den rhythmischen Kaskaden des Be Bop zu verbinden und so die Wurzeln und die Zukunft der amerikanischen Kultur in Einklang zu bringen. Denn man darf nicht vergessen, dass die Beats und ihre Erben im tiefsten ihres Herzen Romantiker und Patrioten waren, die für ein fast schon altmodisches amerikanisches Ideal der Freiheit kämpften. Das war zu diesem Zeitpunkt längst vom Materialismus und Konformismus des amerikanischen Wirtschaftswunders verdrängt worden. Es war die Zeit der geordneten Lebensläufe und des uniformen Wohlstandes in der Suburbia. Da brachte Ginsberg diese unstillbare Sehnsucht nach einer gleichzeitigen Erfüllung und Befreiung seiner Zeitgenossen schon in den legendären ersten Zeilen auf den Punkt:

“Ich sah die besten Köpfe meiner Generation zerstört vom Wahnsinn, hungrig hysterisch nackt,
wie sie im Morgengrauen sich durch die Negerstrassen schleppten auf der Suche nach einer wütenden Spritze,
Hipster mit Engelsköpfen, sühctig nach dem alten himmlischen Kontakt zum Sterndynamo in der Maschinerie der Nacht, ..."

Auch der New Yorker Dichter und Literaturwissenschaftler David Lawrence kann sich noch daran erinnern, wie er als Teenager das erste Mal “Howl" zu lesen bekam: “Es gab ja damals nichts, was zu mir gesprochen hätte. Das war bevor es die Beatles gab, vor Dylans Durchbruch. Aber ’Howl' hat mich wachgerüttelt." Da spielte gar keine Rolle, dass man nur wenig von dem verstand, was Ginsberg da schrieb. “Das war das erste Mal in der amerikanischen Lyrik, dass man ein Gedicht fühlen konnten, ohne es zu verstehen und somit eine radikale Abkehr von der europäischen Traditionen." Und die endgültige Befreiung der amerikanischen Lyrik vom bedrückenden Erbe T. S. Eliots.

Ginsbergs direkte Anleihen bei Whitman wirkten da nur wie ein Verstärker, denn genauso wie Whitman seinen Wortfluss dazu nutzte, um den amerikanischen Traum in der Weite seines Landes zu anzusiedeln, manifestierte sich die Kehrseite dieses Traumes in der Enge der Slums und dem “Moloch" der amerikanischen Großstädte.

Der damals 29jährige Sohn einer aktiven Kommunistin war als jüdischer, homosexueller Kosmopolit auch in seiner Person die Antithese des amerikanischen Traums, der in den Augen der Gesellschaft immer noch vom angelsächsischen, protestantischen Pionier verkörpert wurde. So formte Ginsberg als einer der ersten den Archetyp des Hipsters, der sich über die Konventionen der Gesellschaft hinwegsetzt, um in den subkulturellen Nischen des Grosstadtlebens wahre Größe und Innovation zu entdecken. Bis zu seinem Tode im April 1997 blieb Ginsberg Mentor und Freund für Hipsterikonen wie Jack Kerouac, Bob Dylan, Ken Kesey und den Musikern der Gruppe The Clash.

Wenige Monate nach dem endgültigen Veröffentlich von “Howl" unternahm die Gesellschaft noch einen letzten Versuch, den Hipster aus ihrer Mitte zu verbannen. Im Gegensatz zu seinem Vorbild Whitman hatte Ginsberg seine Homosexualität nicht in romantisierten Männerbünden versteckt, sondern ganz offen ausformuliert, und so ließ Captain William Hanrahan, Chef der Abteilung für Jugendschutz bei der Polizei von San Francisco, im März 1957 die zweite Auflage des Gedichtbandes beschlagnahmen. Die American Civil Liberties Union finanzierte damals den Prozess gegen Ginsbergs Verleger, den Dichter und Besitzer der Buchhandlung “Citylights" Lawrence Ferlinghetti. In dessen Verlauf zog der Richter Clayton Horn immerhin James Joyce “Ulysses" zu Rate, um zu dem Schluss zu kommen, dass “Howl" keineswegs eine jugendgefährdende Obszönität, sondern vielmehr ein wichtiger Ausdruck gesellschaftlicher Realitäten sei.

Allen Ginsberg hat Zeit seines Lebens nie mehr die Größe seines epochalen Gedichtes erreicht. Doch das Erbe von “Howl" lebte weiter. Man findet seinen Atem in den Texten von Bob Dylan genauso wieder, wie in den Reimkaskaden von Rappern wie Rakim und Mos Def, in der Prosa von Rainald Goetz, in den Theatertexten von Albert Ostermaier und in der Slam Poetry. Im Thompkins Square Park des New Yorker East Village, wo Allen Ginsberg seine letzten Lebensjahre verbrachte, findet alljährlich das “Howl Festival" statt, das die Geschichte der Subkulturen feiert. Da zeigt sich jedesmal wieder - auch wenn sich die Mittel verändert haben, die Dynamik ist die gleiche geblieben . Mit jedem Raptext, jedem Rocksong, jedem jungen Roman, jedem unabhängigen Film begibt sich eine neue Generation von Hipstern auf die Suche nach jenen mythischen Momenten der Erkenntnis. Eine Suche, die nie an ein Ziel führt. Oder wie es Mick Jagger und Keith Richards formulierten, die die Essenz von “Howl" zehn Jahre später auf einen Satz und acht Akkorde reduzierten: “I Can't Get No Satisfaction".



Bericht über das 50. Jubiläum der ersten Lesung von Howl

Allen Ginsberg liest "Ballad of the Skeletons" begleitet von Paul McCartney

Robert Franks Film "Pull My Daisy" mit Jack Kerouac and Allen GInsberg

Jack Kerouacs Auftritte in amerikanischen Talkshows



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