DAS POLITISCH INKORREKTE VIRUS

In den 25 Jahren der HIV/Aids-Epidemie
hat die Seuche die Welt gezwungen, unbequemen
Tatsachen ins Auge zu blicken

© Andrian Kreye

Am 5. Juni 1981 erwähnte der Wochenbericht des amerikanischen Center of Disease Control erstmals ungewöhnliche Lungenerkrankungen unter jungen Homosexuellen in Kalifornien. Mit diesem Berichte nahm die westliche Medizin erstmals die HIV-Aids-Seuche war, die im südlichen Kamerun in den 30er Jahren von Schimpansen auf den Mensch übergesprungen war. Seither haben sich 60 Millionen Menschen mit dem HIV-Virus infiziert, 25 Millionen sind an Aids gestorben.

New York 02.06. '06 - Es dauerte nach dem Ausbruch der Seuche nicht lange, bis die amerikanische Linke realisierte, dass die Krankheit viele Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung in Frage stellen würde. Das Verhalten und der Lebenswandel jedes Einzelnen war plötzlich keine Frage der persönlichen Freiheit mehr, sondern ein Risikofaktor. Das stellte vor allem das Selbstverständnis der Schwulenbewegung in Frage, aus der die meisten der ersten Opfer kamen. Im Mai 1983 beschrieb der HIV-infizierte Aktivist Michael Callen das Dilemma gleich im ersten Satz der Broschüre “How To Have Sex in an Epidemic": “Was als sexuelle Freiheit begann, ist heute in den meisten urbanen Zentren zu einer Tyrannei der Geschlechtskrankheiten geworden."

Im selben Text legte Callen auch erstmals die Grundregeln des Safer Sex fest, zu denen vor allem die Benutzung von Kondomen gehörte. Gleichzeitig gab er in Interviews offen zu, im schwulen Nachtleben mit einer Vielzahl wechselnder Sexpartner verkehrt und gleichzeitig große Mengen Drogen konsumiert zu haben. Als Callen und seine Mitstreiter begannen, die Broschüre in den schwulen Badehäusern und Nachtclubs von New York zu verteilen, stießen sie auf heftigen Widerstand. Callen hatte ein Sakrileg begangen - er hatte das Kausalitätsprinzip über das Ideal der egalitären Gesellschaft gestellt. Gerade die Schwulenbewegung hatte in Amerika immer noch unter Diskriminierung und Verfolgung zu leiden. Ein prominenter Schwulenaktivist, der die Verantwortung für seine Erkrankung in seinem eigenen Verhalten fand, schien nur der Verteufelung der Aids-Opfer durch politische und religiöse Konservative Vorschub zu leisten.

Bis zu seinem Tode im Dezember 1993 blieb Michael Callen eisern bei seinem pragmatischen, unsentimentalen Ansatz. Die Geschichte hat ihm längst Recht gegeben. Nur der unsentimentale, wissenschaftliche Blick auf die Seuche hat bislang zu Lösungen geführt. Jeder Versuch, Rücksicht auf politische oder religiöse Sensibilitäten zu nehmen, hatte verheerende Auswirkungen. Denn HIV ist ein politisch inkorrektes Virus, das mit gnadenloser Härte die Schwächen einer Randgruppe oder auch einer ganzen Gesellschaft ausnutzt.

Deswegen musste die Promiskuität der schwulen Subkulturen genauso thematisiert werden, wie die epidemische Drogensucht in den Elends- und Armenvierteln der amerikanischen Großstädte. Die afrikanischen Gesellschaften mussten sich eingestehen, dass die Urbanisierung, die nach der Kolonialära als Befreiung und Weg in die Moderne gefeiert wurde, den Zerfall traditioneller Familienstrukturen und eine mobile Promiskuität mit sich gebracht hatte, welche die Ausbreitung der Seuche enorm beschleunigte. Seit die ersten wirksamen HIV-Therapien auf den Markt kamen, ist das Armutsgefälle zwischen den Industrienationen und den Entwicklungsländern so deutlich geworden, wie noch nie. Und selbst die gut gemeinten Hilfsprogramme, mit denen die Industrienationen die lebensrettenden Medikamente in die Entwicklungsländer bringen, zeigen zunächst die Strukturschwächen der hilfsbedürftigen Länder.

In den Schwellenländern waren es vor allem die Staaten, die sich auf einen moralischen Anspruch gründeten, welche die Gefahr verkannten. In den islamischen Ländern wurde Aids lange als Problem der säkularen Gesellschaften in Amerika und Europa gesehen. Da predigten Imame aus aller Welt 1994 bei der großen Konferenz fundamentalistischer Bewegungen in Khartum, Aids sei die gerechte Strafe für die Sünden der säkularen Gesellschaft. Ganz ähnlich argumentierten auch die Vertreter der christlichen Rechten in den USA, allen voran der Senator aus North Carolina Jesse Helms, der lange jede Form von Aidshilfe verhinderte, weil sie unmoralische oder gar illegale Handlungen legitimieren würde.

Heute ist der Denkansatz der Kausalität und wissenschaftlichen Weltsicht längst zu einem intellektuellen Modus geworden, der die ideologischen und dogmatischen Blockaden des 20. Jahrhunderts aufbricht. Amerikanische Naturwissenschaftler haben die Geisteswissenschaften ganz offen herausgefordert. Politiker suchen nach pragmatischen Lösungen für die Entwicklungs- und Katastrophenhilfe, und weltweite rücken ehemals linksgerichtete Gruppen und Vordenker von der Utopie der egalitären Gesellschaft ab.

Die letzten Jahre der HIV-Aids-Pandemie haben gezeigt, wie wichtig ein pragmatischer Umgang mit einer stigmatisierten Seuche ist. Uganda gilt beispielsweise als Musterfall einer gelungenen Kampagne von oben. Präsident Yoweri Museveni machte es sich zum Beispiel schon bald nach seiner Machtergreifung für eine landesweite Aufklärungskampagne stark, trat oft selbst vor seine Bürger, um die Verwendung von Kondomen zu propagieren, und konnte die einst höchsten Infektionsraten der Welt auf ein Mittelmass reduzieren. Thailand konnte durch ein staatlich gefördertes Kondomprogramm die Infektionsraten im Prostitutionsgewerbe um 90 Prozent senken. Brasilien erklärte den Zugriff auf Aidsmedikamente zum Bürgerrecht und handelte mit den Pharamakonzernen Sonderbedingungen aus. In vielen Ländern konnten die jährlichen Kosten für eine HIV-Aids-Therapie seither von 16.000 auf 400 Dollar pro Jahr gesenkt werden.

Doch es gibt genügend Gegenbeispiele. Südafrikas Präsident Thabo Mbeki ließ sich von Verschwörungstheoretikern wie Peter Duesberg leiten, die behaupten, HIV sei nicht der Auslöser von Aids, sondern die Armut, und verbat die medikamentöse Therapie. Folge - jeder fünfte Südafrikaner ist heute infiziert. In den USA sorgten konservative Gesetzgeber dafür, dass wirksame Präventivmassnahmen für die Risikogruppen der Schwulen, Drogensüchtigen und jungen Frauen keine staatlichen Gelder bekommen. Russland, China und die islamischen Länder haben die Seuche weitgehend ignoriert und sind deswegen epidemologische Krisengebiete. Das Dogma der katholischen Kirche, das die Verwendung von Kondomen kategorisch verbeitet, hat Zehntausenden das Leben gekostet.

Einige haben inzwischen eingelenkt. Nachdem der Ausbruch der SARS-Epidemie den Parteifunktionären in China vor Augen führte, welche dramatischen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Auswirkungen eine Seuche haben kann, mobilisierten sie ihren kommunistischer Apparat der sozialen Kontrolle und kämpfen gegen Aids. Die USA haben im weltweiten Kampf gegen die Seuche mit dem 15 Milliarden teuren Aidsbekämpfungsprogamm von George W. Bush wenigstens finanziell eine Führungsrolle übernommen. Selbst Papst Benedikt hat im April eine Studie in Auftrag gegeben, die herausfinden soll, ob Kondome nicht doch mit den Lehren der katholischen Kirche in Einklang zu bringen sind.

In den Verhandlungen um eine globale Strategie bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen diese Woche beharrten die USA allerdings weiter darauf, dass die Verteilung sauberer Spritzbestecke kein Teil der Hilfsmassnahmen sein darf und die Prostitution als illegaler Akt betrachtet werden muss. Die islamischen Länder verlangen gar, dass Homosexualität, Prostitution und Drogensucht überhaupt nicht Thema der Gespräche sein dürfen. Die Gefahr, dass sich die Seuche in den nächsten Jahren gerade in diesen Ländern massiv ausbreiten wird, liegt auf der Hand.

“Wir können nicht bestehen, wenn wir den Kopf in den Sand stecken", warnte Kofi Annan die Teilnehmer der Diskussion. Mervin Silverman, der beim Ausbruch der Seuche als Gesundheitsbeauftragter der Stadt San Francisco fungierte, drückte es etwas deutlicher aus: “Das ist als ob man gegen die Gefahren der Trunkenheit am Steuer kämpfen wollte und dabei weder Alkohol noch Autos erwähnen dürfte."





Frontline-Dokumentation "The Age of Aids"

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"Don't GIve Up (Africa)" - Musik von Bono und Alicia Keys, Fotos von Kristen Ashburn



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